
16. Reisetag
Samstag, 4. August 2012
Lycksele-Luleå
Der Tag begann ganz speziell. Weil Samstag ist, gab es offiziell das Frühstück erst ab 8 Uhr, was für mich stimmte. Ich hörte gestern relativ spät am Abend, dass noch andere Hotelgäste eintrafen, vermute aber, dass sonst niemand weiter hier übernachtete.
Es war noch überall dunkel, als ich nach 8 Uhr in die Richtung ging, wo ich das Frühstück vermutete. Effektiv stand ein Schild dort, man soll sich im Kühlschrank bedienen, ansonsten standen ein paar wenige Sachen herum. Eine Maschine, die Kaffee und heisses Wasser machte, war eingeschaltet. Die Brötchen im Plastiksack sahen aus wie ein Schwamm, aber immerhin zu geniessen bis März 2013. Bei dieser Gästeanzahl ist dies vielleicht nötig. Die Milch im Kühlschrank war längst abgelaufen und dickflüssig, auf der Konfitüre hatte es Schimmelpilz. Einzig ein grosses Stück Weichkäse machte einen ansprechenden Eindruck. Dass das Frühstück somit relativ schnell beendet war, muss wohl kaum erwähnt werden.
Ich legte den Zimmerschlüssel hin und ging, bezahlt war ja schon. Um 08.37 fuhr einer der drei Züge nach Umeå, und den wollte ich mir anschauen. Beim Bahnhof befindet sich auch die Busstation mit den Bussen, die in der hinteren Hälfte ein Frachtabteil haben.
ÖV in Lappland: Die Bahnlinie Umeå-Lycksele wird von Norrtåg betrieben, und zwar mit Fahrzeugen von Adtranz/Bombardier des Typs "Itino", die auf eine ABB-Entwicklung zurückgehen. Die kurze, vierachsige Variante dieses Triebwagentyps ist sehr erfolgreich und heisst "Regioshuttle". Sie ging im Bombardier-Deal aus kartellrechtlichen Gründen an Stadler Pankow, während die kaum erfolgreiche Gelenkvariante noch heute von Bombardier produziert wird.
Das Busnetz ist auch gleichzeitig ein Cargo-Netz. Die Busse sind auch Lastwagen und stellen die Versorgung sicher. Auch in Schweden kommt man mit dem ÖV überall hin, muss sich aber mit 1-2 täglichen Verbindungen begnügen.
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Um auf Nummer sicher zu gehen, tankte ich noch nach und ging in den grossen Supermarkt, um Proviant für den Tag einzukaufen.
Dann fuhr ich los in Richtung Norsjö, eine Kleinstadt in ca. 75 km Entfernung. Am Samstagmorgen sind die leeren Strassen noch leerer, aber ich nahm es gemütlich, weil ich mehr als genügend Zeit zur Verfügung hatte. Ich wollte ja zur Linbana, eine ganz spezielle Seilbahn, und die fuhr erst ab 13 Uhr. Zunächst steuerte ich die nordwestliche Endstation an, fuhr dann zur anderen, südwestlichen Endstation, weil ich dort den wirklichen Anfang vermutete. Es hatte schon einige Leute dort.
Auf den Strassen Skandinaviens kommen einem auch bewegliche Dinge ohne Räder entgegen. Als ich plötzlich ein Geweih mitten auf der Strasse wahrnahm, bremste ich ab und griff zum Fotoapparat. Nun darf ich endlich meinen Kleber hinten aufs Auto tun!
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Die Linbana war eine Eisenerztransportbahn, die über 8 Abschnitte verfügte und 96 km lang war. Sie wurde zu Beginn des Zweiten Weltkriegs gebaut, weil der Strassentransport zu teuer war und der Bau einer Bahnlinie zu lange gedauert hätte. Die Betreibergesellschaft transportierte mit bis zu 1400 Transportkörben tagein und tagaus das Eisenerz von Kristineberg nach Boliden, bis 1987 die Einstellung der Bahn beschlossen wurde. Ein Verein setzte sich dann dafür ein, dass auf der vierten Sektion ein Personentransport eingerichtet wurde. Seit Juli 1989 ist diese spezielle Bahn im Sommer für Personenbeförderung im Einsatz, und mit der Länge von 13.6 km ist sie immer noch die längste Personenseilbahn der Welt.
Das Betriebskonzept ist etwas sonderbar. An beiden Endstationen sind 14 Viererkabinen abgestellt. Bei Grossandrang werden diese bis auf den letzten Platz gefüllt, ansonsten bekommt man auch allein oder zu zweit eine eigene Gondel. Die Passagiere melden sich an, da die Platzzahl begrenzt ist (faktisch auf 28 x 4). Jeweils um 13 Uhr wird die Bahn eingeschaltet und die je 14 Kabinen auf den Weg geschickt. Nach rund 100 Minuten treffen sie an der anderen Endstation ein, und die Passagiere werden mit einem Bus zur Ausgangsstation zurückgefahren.
Ich wusste das mit der Reservation natürlich nicht, und so suchte das sehr freundliche Personal nach einer Lösung. Eine Kabine der Gegenrichtung war noch nicht voll, daher bot man mir den Platz dort an. Das hiess, ich musste mit dem Auto zur anderen Endstation fahren, was 25,2 km Distanz bedeutete. Dies nahm ich gerne in Kauf, um mit dieser Bahn fahren zu können. Effektiv um 13 Uhr lief die Bahn an, und die wartenden Leute wurden anhand der Reservationsliste auf die Kabinen aufgeteilt. Ich war dann mit drei jungen Leuten (1 Deutscher, 1 Australianerin und 1 Schwede) in der Gondel, die sich in Englisch miteinander unterhielten. Die Sitze sind gut gepolstert, ein Feuerlöscher und ein Nachthafen (!) in jeder Kabine vorhanden, und in der Mitte wird ein Tisch mit einer Landkarte heruntergeklappt, und dann geht es los auf die lange, langsame Reise. Speziell ist, dass die Fahrt fast keine Höhenmeter überwindet und über einen See führt. An drei Stellen gibt es eine Abspannvorrichtung für das Tragseil, was man mit einem groben Rumpeln wahrnimmt.
An der Endstation hatte ich die Gelegenheit, die drei letzten Gondeln bei der Einfahrt mitzuverfolgen, dann war das Seil wieder leer und die Bahn abgestellt.
Während der Himmel am Morgen noch vollständig bedeckt war, verbesserte sich das Wetter ab Mittag zunehmend. Es hatte zwar noch grössere Wolkenfelder, aber grundsätzlich war es sonnig und sehr warm.
Mit dem Bus wurde die Gruppe wieder an die Ausgangsstation gebracht. Ich wollte noch unbedingt eine Abspannvorrichtung vom Boden aus sehen, so musste ich wieder an die andere Endstation fahren (wäre ohnehin in der Nähe vorbeigekommen) und dann ein paar Kilometer über einen Waldweg fahren. Dies ging nicht ganz ohne Nervenkitzel. Als ich für das Foto und ein erneutes Scheibenputzen kurz aussteigen wollte, wurde ich von den Bremsen fast gefressen.
A propos Scheibenputzen: die vielen Mücken in der Gegend schlagen sich wortwörtlich auch auf der Frontscheibe nieder. Nach wenigen Kilometern hat man eine wunderprächtige Dekoration.
Die eine Endstation der Linbana liegt an einem See, wo es so richtig schwedisch und idyllisch aussieht:
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Die Masten der Linbana sind aus Beton gegossen. Selbst auf den 7 Sektionen, wo das Seil abgebaut wurde, stehen die Masten heute noch (man sieht sie von der Strasse aus immer wieder). Bei der Endstation Örträsk sind die alten Tragkörbe noch vorhanden, wie wenn der Erztransport noch stattfinden würde:
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Die Kabinen sehen älter aus als sie sind. Es wurden Aufhängungen der Tragkörbe verwendet und vor 23 Jahren neue Kabinen gebaut, die einen nostalgischen Eindruck machen. Die Fahrt ist mit 3 m/s sehr gemächlich. Aufgrund des langen Zugseils variiert die Geschwindigkeit laufend. In der Mitte kommen die 14 Gondeln der anderen Fahrtrichtung entgegen:
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Die Abspannvorrichtung musste ich doch noch von näher anschauen. Dies kostete mich zwar ein paar Kilometer Waldstrassen und einen Kampf gegen die Bremsen (also die fliegenden, nicht die vom Auto):
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Und zum Abschluss gab es noch eine Portion schwedische Idylle und einen riesigen Findling im Wald:
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Um den Weg vom morgigen Tag etwas zu kürzen, fuhr ich dann bereits via Skellefteå nach Luleå. Der erste Teil der Fahrt bestand aus 70 km Hauptstrasse durch den Wald, dann folgten 125 km auf einer autobahnähnlichen Strasse. Mit dem Smartphone suchte ich dann ein Hotel, und dieses liegt nun etwas ausserhalb der Stadt beim Flugplatz (den ich selber nicht gesehen oder gehört habe). Und weil gewünscht wird, dass ab und zu auch das Essen im Blog Erwähnung findet: ja, es gab ein Buffet im Restaurant. Tönte ganz gut, so à la Smörgåsbord im Au Premier im Zürcher HB, bestand dann aber nur aus vier Salaten, Oliven, Geflügelroulade, kleine Kartoffeln und Erdbeerquarktorte.
Und das war die Route des 16. Reisetags:
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