25. Reisetag

Mittwoch, 25. März 2015: Omarama - Christchurch

Der Himmel war mehr oder weniger vollständig mit Wolken bedeckt, als das Tageslicht wieder zurückkam. Ich hatte mir das heutige Wetter genau so vorgestellt, als ich gestern Abend den Vorhang zuzog. Heute war vor allem eine Fahretappe angesagt, da brauchte ich nicht einen wolkenlosen Himmel.

Die Hochebene zwischen Omarama und Tekapo ist praktisch topfeben. Der Lake Pukaki wurde in den Sechzigerjahren auch zu einem Stausee umgebaut und ist seither Teil des Kraftwerkverbunds, dem ich auf der vorgestrigen Etappe gefolgt war. Die Hochebene wird durch mehrere Kanäle durchquert, die ebenfalls für die Stromerzeugung angelegt wurden. Nachdem ich diese Kanäle in den letzten Tagen nie richtig angeschaut hatte, nahm ich mir dies für die heutige Fahrt vor.

Am Lake Pukaki grüsste der Mt. Cook wieder so schön und in einer ganz andern Wetterstimmung:

In der Ortschaft Lake Tekapo machte ich einen kurzen Halt. Das Kirchlein, gebaut 1935 und statt mit Altarbild mit einem grossen Panoramafenster ausgestattet, wurde wie gestern schon wieder von den Touristen in Beschlag genommen. Kirchen haben effektiv Seltenheitswert in Neuseeland.

Auf dem Burkepass endete die grosse Hochlandebene, auf welcher ich mich seit der Ankunft in Omarama aufgehalten hatte. Die Strasse führte abwärts in eine Landschaft, wo wieder wesentlich intensivere Agrarwirtschaft betrieben wird. In Fairlie erhielt mein Mazda wieder eine Portion Saft, während ich meinen Durst erst in der nächsten Ortschaft, in Geraldine, löschte. Das Städtchen Geraldine hat einen richtigen Ortskern mit Einkaufsläden.

Ab Geraldine hätte ich einen leicht kürzeren und vermutlich viel schnelleren Weg nach Christchurch nehmen können, aber ich entschied mich der "Inland Scenic Route 72" zu folgen. Auch diese Route führte teilweise über topfebenes Gebiet mit 20 km Strasse ohne Kurve. Die Flüsse wurden alle über einspurige Brücken überquert, sonst war die Strasse wenig anspruchsvoll. Der Ashburnton River benötigte die längste Brücke, was mich bewog, anzuhalten und Fotos zu machen. Speziell der Berg mit den Schneefeldern weit weg im Hintergrund interessierte mich.

Hier zweigt eine Nebenstrasse ins Gebiet des Mt. Sunday ab, wo man auf das breite Flusstal des River Rakaia stösst. Ich verliess also die Inland Scenic Route 72 in Mt. Somers und fuhr 20 km auf guter Strasse ins Gebirge. Es folgten weitere 13 km auf einer Naturstrasse ins scheinbare Niemandsland, bis ich im Gebirge auf den Lake Clearwater und die Ferienhaussiedlung Lake Clearwater stiess. Der schneebedeckte Berg lockte immer mehr, und so folgten weitere 12 km auf unebener Naturstrasse in das Gebiet des Mt. Sunday. Hier soll ein Teil von "Herr der Ringe" gedreht worden sein. Die Landschaft war in der Tat sensationell hier. Zudem hatten sich die Wolken aufgelöst, schöner konnte ich es nicht haben. Die Strasse hätte durch dieses Niemandsland noch weiter geführt bis Mt. Potts, wo sogar Helikopter für Rundflüge stationiert seien. Erstaunlicherweise war ich tatsächlich nicht der Einzige, der sich hierhin verirrt hatte, ich fühlte mich dennoch wie am Ende der Welt - an einem ganz schönen.

Der Rückweg kam mir zum Glück etwas kürzer vor, und ich wurde auch nicht durch eine Schafherde aufgehalten. Im Nachhinein war ich froh, dass ich diesen Abstecher gemacht hatte, da dies wirklich ein landschaftliches Highlight war.

Die weitere Fahrt nach Christchurch wies noch ein weiteres Highlight auf. Der River Rakaia hatte schon im Gebirge einen sehr breiten Lauf, der bis zu seiner Mündung südwestlich von Christchurch noch breiter wird. Fährt man über den Highway 1 nach Christchurch, würde man dies laut Reiseführer sehr eindrücklich sehen. Der weiter im Landesinnern verlaufende Highway 73 hat aber auch eine landschaftlich sehr reizvolle Überquerung dieses Flusses.

Die letzten 75 km bis Christchurch wurden immer flacher, gerader und langweiliger. Bei Christchurch begann das Verkehrschaos, das die ganze Stadt umfasste. Die Stadt ist sehr grossflächig, da die Vororte aus lauter einstöckigen Einfamilienhäusern aus Holz oder Backstein bestehen, mehrstöckige Gebäude sind wirklich rar. Hotels gibt es auch keine, dafür reiht sich an den Einfallsachsen ein Motel an das andere. Motels sind bei den Neuseeländern sehr beliebt, da sie sich auch gerne während der Ferien selber verpflegen. Die grossen Hotels befanden sich in Christchurch im Stadtzentrum, sie sind aber alle abgeriegelt, sofern sie überhaupt noch stehen.

Wegen des Staus durch die ganze Stadt benötigte ich recht lange, bis ich bei meinem Motel angelangt war. Nach Zimmerbezug ging ich umgehend zu Fuss ins Stadtzentrum, respektive in das ehemalige Stadtzentrum. Das Erdbeben vom 4. September 2010 und das Nachbeben Nr. 4945 vom 22. Februar 2011 zerstörten auf einer Linie, die quer durch die Innenstadt lief, hunderte von Häusern. Viele erlitten grosse Schäden, einige stürzten gänzlich ein, andere waren von einer Minute auf die andere wegen Einsturzgefahr nicht mehr zugänglich. Die Innenstadt von Christchurch bestand aus einer Mischung von Baustilen und Epochen, das Wahrzeichen bildete die grosse Kathedrale, von welcher nur noch Resten stehen. Zwar sind grösstenteils die Trümmer weggeräumt und durch temporäre Parkplätze ersetzt worden, zwei Hotels wurden neu aufgebaut und einzelne Häuser konnten renoviert und gerettet werden. Aber der Wiederaufbau hat noch nicht richtig begonnen. Viele moderne Gebäude stehen noch, so dass man meinen könnte, diese seien intakt geblieben, jedoch ein genaueres Hinschauen führt in allen Fällen zur Feststellung, dass sämtliche Zugänge zugemauert sind. Es sieht ähnlich aus wie in Ostberlin um 1990-2000, als viele Plattenbauten verbarikadiert waren.

Die Innenstadt ist wenigstens bis auf wenige Ausnahmen wieder begehbar. Es gibt keinen roten Sektor mehr, der abgeriegelt ist. Selbst das historische Tram fährt wieder, und wie es scheint, hat man sogar die Runde etwas ausgedehnt. Aber sonst ist es ein sehr trauriges Bild, und es passt irgendwie nicht zum so gut organisierten Neuseeland, dass nach vier Jahren noch nicht mehr Schäden beseitigt wurden.

Die malerische New Regent Street mit den Reihenläden wurde restauriert und zur Fussgängerzone gemacht. Jedoch unmittelbar daneben stehen die Betonfundamente eines grösseren Gebäudes, das wieder errichtet werden muss. Ein japanischer Architekt baute als Provisorium für die eingestürzte Kathedrale am Rand der Innenstadt die Cardboard Cathedral, eine Kirche aus Karton (natürlich mit entsprechender Imprägnierung gegen Wasser und Feuer).

Um 19 Uhr tauchte das Restaurant-Tram auf, das ich noch fotografierte, dann beendete ich meinen kleinen Stadtrundgang und spazierte in das Quartier meines Motels zurück. In unmittelbarer Nähe hatte es ein feines Restaurant, wo ich mich verwöhnen liess.

Das historische Tram fährt durch eine verglaste Laden- und Restaurant-Passage, wo die offizielle Zustiegsstelle ist. Das reguläre Tram verschwand gerade im Depot, als ich in der Innenstadt eintraf, dafür wurde eine Stunde später das Restaurant-Tram auf die Reise geschickt. In dieser Restaurant-Passage hat es auch ein Lokal, das schweizerische Spezialitäten anbietet. Gemäss Speisekarte erhält man "Geschnetzeltes and Roesti" oder "Bratwurst with Roesti and Salad", selbst auf das "Chocolate Fondue" muss man nicht verzichten, und wenn man etwas über den Tellerrand schaut, dann bekommt man auch "Entrecote Cafe de Paris" oder "The original beef canelloni". Offenbar wird man nur eingelassen, wenn man gut gekleidet ist, schliesslich steht auf der Speisekarte gleich zwei Mal "Dress code applies", und jede Person muss mindestens eine Hauptspeise oder zwei Entrées konsumieren. Das Lokal war schon geschlossen, daher erübrigte sich für mich die Frage, ob mein Dress Code gereicht hätte. Im Quartier ass ich mindestens so gut, und ich wurde nicht nach dem Dress Code gefragt.

Die heutige Route in gewohnter Manier: